Atelier-Gespräch mit dem Objektebauer Frank Neye
Von Veit Stiller
In einer Modell-Landschaft ist aus einer zwischen Bäume gebauten Blockhütte, wie der Griespudding im Märchen, eine rosa Masse heraus gequollen, hat das Dach längst gesprengt, überragt die Bäume und ist in einer Art überdimensionalem Phallus erstarrt. Winzig wie Amöben streunen Besucher in und um das Haus, das Wunder zu besichtigen. Das Objekt war auf der Berliner Liste Blickfang von Die Schröder Galerie, die wie viele andere auch, die Gelegenheit nutzte, hoffnungsvoll ins gnadenlose Licht der Öffentlichkeit zu treten.
Auch für den Schöpfer des Beziehungsreichen Objektes war es der erste große Auftritt. Sein Name: Frank Neye.
Der Ur-Berliner vom Jahrgang 1966 hatte seit der Schulzeit eine Affinität zur Kunst, eine Art Sehnsucht, die ihn immer begleitet hat, bis sie irgendwann zwingend wurde. Aber der Reihe nach. „Ich hatte keine Vorbelastung und auch keine Leidenschaft in diese Richtung. Wie ich dazu kam, ist mir ein großes Rätsel.“ Neye lernte einen „anständigen“ Beruf und wurde Diplom Verwaltungswirt. „Ich hab lange den falschen Baum angeheult. Ich habe immer gemalt. Skulpturen fand ich cool, aber ich dachte immer, wenn man etwas wird, wird man Maler. Doch dort habe ich mich nie selbst gefunden. Das Interesse an Skulpturen kam einfach aus dem, was ich gesehen hatte, wie locker die Macher damit umgingen. Und irgendwann kam der Punkt, wo ich mir sagte: Jetzt mach einfach mal, egal, was andere sagen. Und anders als bei der Malerei habe ich mich frei gefühlt. Ich betrete Neuland, mache Dinge, die ich noch nicht gesehen habe. Bei der Malerei waren mir immer bekannte Bilder im Kopf.“
So begann er, wie Prometheus, zu formen. „Ich konnte plötzlich Begebenheiten aus meiner Biografie, vor allem der Kindheit wiedergeben. Und es war auch das Gefühl aus der Kindheit wieder da: das Ländliche von Reinickendorf, die Felder, die selbst gebauten Höhlen, die Labyrinthe in den Feldern. Ich wusste plötzlich, dass ich eine große Sehnsucht nach Labyrinthen in mir hatte. Wo man sich verkriechen kann, Gelegenheit hat, sich zu verlieren.“
Heinz Rühmann sagte einmal, Schauspieler seien Menschen, die einen Zipfel ihrer Kindheit festgehalten haben. Und das trifft von der Sache her grundsätzlich auf alle zu, die kreativ tätig sind. „Ich habe die Fantasie-Welt meiner Kindheit wieder entdeckt. Daher auch meine etwas kindlich verspielten Objekte. Ich bin weit ab von Konzept-Kunst, weil das Haptische, die direkte Arbeit mit dem Material für mich wichtig ist. Man saut sich dabei völlig ein, wenn die Leidenschaft mit einem durchgeht. Ich hasse dann auch Besuche, weil sie mich dann stören.“
Alle Künstler sind so. Wenn kaum einer das so offen sagt, liegt es nur daran, dass es für sie zum Handwerk gehört; Neye ist Autodidakt und ist immer wieder erstaunt, was in ihm und mit ihm geschieht. Diese Frische zeichnet ihn aus. „Ich benutze gern Materialien vom Baumarkt. Die sind dafür gedacht, verformt zu werden. Zu klassischen Materialien habe ich keinen Bezug.“ Ist das vielleicht nur Ehrfurcht? Angst vor der eigenen Courage? „Bauschaum und Silikon arbeiten in sich selbst, verformen sich bei der Aushärtung. Das ist nicht berechenbar, zwingt mich, zielgerichtet mit dem Zufall zu arbeiten.“
Wie viele Hochdotiert würden sich scheuen, solches Bekenntnis abzulegen? Weil sie wissen, dass sie seit Jahrzehnten das gleiche tun? „Ich gehe immer mit einer konkreten Vorstellung ans Werk, aber irgendwann kommt immer der Punkt, wo das Material sein Eigenleben entwickelt. Dem muss ich folgen. Und meist entstehen Formen, die ich mir gar nicht hätte ausdenken können.“ Wie alt war der Zöllner, als er begann, zu malen? „Lehm und Ton habe ich noch nicht probiert. Papiermaschee könnte mich reizen. Ich will etwas machen, was ich noch nicht gesehen, wo ich kein Vorbild habe.“ Und die winzigen Figürchen in riesigen Landschaften, dass alles etwas „Bastel-Charakter“ hat? „Märchenhaft. Eindrücke von Landschaften, die sich einbrennen.“ Wie bei Fellinis „Amacord“. „Oft frage ich mich: Wie wäre es, wenn ich die Landschaft selbst forme?“ Frank Neye wird von Die Schröder Galerie vertreten.
Im Net: www.dieschroeder-galerie.de
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